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Foto: „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst! Mk 12,31.

„Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst! Mk 12,31.

Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst

„Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst!“(Mk 12,31), heißt es im Christentum. Das will sagen: Bevor wir anderen etwas Gutes tun, helfen, liebend in Beziehung zu anderen Menschen sind, sollen und dürfen wir auch an uns selbst denken. Wir sollen uns sogar selbst lieben.

Selbstliebe – Egoismus?

Oft ist das missverstanden worden. Die aufopfernde Nächstenliebe wurde allein hochgehalten. Dass aber ein Doppelgebot gemeint ist, das die Selbstliebe mit einschließt, wurde kaum beachtet. Vielleicht weil man die Selbstliebe als ungehörig und egoistisch angesehen hat.

Mit Selbstliebe nach diesem Satz aus der Bibel ist wohl keine egoistische Selbstverliebtheit gemeint. Man könnte es vielmehr als eine ehrliche Liebe zu sich selbst sehen, die sowohl Schwächen und Fehler kennt, aber auch um Gaben und Schätze der eigenen Person und des eigenen Lebens weiß.

Ich mag mich. Ich bin gut.

Versuchen Sie das doch einmal: Stellen Sie sich vor einen Spiegel, schauen Sie sich an und sagen Sie laut: „Ich mag mich. Ich bin gut!“ Oder wie würde es Ihnen ergehen, wenn Sie gefragt würden: „Was ist toll an Ihnen? Wofür lieben Sie sich?“ Die meisten Menschen schlucken bei so einer Frage erstmal und finden es vielleicht ungehörig darauf zu antworten. Eine Bescheidenheit als Tugend mag die Selbstliebe behindern. Bei Bewerbungstrainings wird diese Frage nach den eigenen Stärken und Ressourcen immer wieder eingeübt. Personaler stellen sie gerne in Bewerbungsgesprächen. Es ist dann ein Balanceakt: Was klingt selbstverliebt und angeberisch, was ist hingegen ein angemessenes Herausstellen von Gaben und Fähigkeiten? Stärken und guten Eigenschaften sollen anderen, der Firma, Kollegen, einem Arbeitsteam nützlich sein.

Den Partner und sich selbst lieben

Mit Blick auf Paarbeziehungen beobachte ich immer wieder, wie entscheidend es ist, dass geliebt wird. In beide Richtungen! In Bezug auf sich selbst und auf den Partner. Ich finde, dass jeweils zwei Ich-Persönlichkeiten gemeinsam ein Wir bilden, in dem sie geben und nehmen. Was ich in eine Beziehung einbringen kann geschieht möglicherweise erst einmal unbemerkt. Ein Partner verliebt sich und schwärmt, wie wunderbar wir sind. Er liebt uns und führt uns wie ein Spiegel vor, was für ein liebenswürdiger Mensch wir sind. Damit hat es auch viel zu tun. Mit der Würde, die wir als Menschen besitzen.

Gemeinschaftliches Wir – Einander lieben

Manchmal mache ich mit Paaren in der Paarberatung eine Übung, die sehr viel mit Emotionen und Liebe zu tun hat. Man nennt sie Haus der Partnerschaft. Partner schreiben auf, was sie am jeweils anderen Partner bewundern, lieben und schätzen. Dann, in einem zweiten Schritt, teilen sich die Partner die gesammelten Punkt mit. Dabei schauen Sie sich an und sprechen sich an. Es ist oft sehr bewegend, wenn zwei Partner sich mitteilen, warum sie einander lieben.

Persönlicher Ich-Bereich

Doch zurück zur Selbstliebe. Es heißt ja „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst!“ Es gibt eben auch den persönlichen Ich-Bereich, die Zeit für sich, die nur einem Menschen selbst gehört, der hier – mit sich im Reinen – lebt. Aus den hier gewonnenen Erfahrungen kann dann wieder in die Partnerschaft hinein investiert werden, in dem man beispielsweise schöne Erlebnisse teilt und den anderen Partner an der eigenen Persönlichkeit teilhaben lässt. Dazu braucht es aber Raum und Zeit für sich selbst.

Austarieren – Balance zwischen Wir und Ich

Nachdem ein Paar in der ersten romantischen Verliebtheitsphase ganz viel Zeit mit sich verbracht hat, immer im Blick auf den anderen, kommt es im weiteren Verlauf der Beziehung vielleicht zu einer Rückbesinnung der einzelnen Partner auf sich selbst, auf die eigene Biografie, auf eigene Bedürfnisse und Wünsche und auf die Sehnsucht nach mehr Freiräumen. Manchmal wird darum auch heftig gerungen. Diese Rückbesinnung auf sich selbst muss nicht nur schlecht sein, im Gegenteil. Manches Paar berichtet von einem ganz natürlichen Prozess, hin zu mehr Freiheit, dies es dann auch wieder ermöglicht, unbefangener das gemeinsame Wir mit dem Partner zu leben. Vereinfacht ausgedrückt, könnte man die Verliebtheitsphase ein bisschen der Nächstenliebe zuordnen. Die Phase der Rückbesinnung auf sich selbst entspräche dann eher der Selbstliebe und dem Gebot „…, wie Dich selbst!“. Dem Partner könnte man dabei signalisieren: Wenn ich mich nun mehr auf mich besinne, dann ist damit nicht die egoistische Selbstverliebtheit gemeint.

Ich denke, dass es in einer Beziehung beides in Ausgewogenheit braucht: Das Zugehen auf sich selbst, die Partnerschaft mit sich selbst und den liebenden Blick auf den Anderen. „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst!“

Ferdinand Krieg

Dipl.-Theologe | Heilpraktiker beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie
Weiterbildungen in Systemischer Therapie und Beratung: Systemischer Paartherapeut (SIH) | Systemischer Therapeut und Berater (SG).

Raumerstraße 16, 10437 Berlin – Prenzlauer Berg
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