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Foto: Warum ich gerne Paare berate – Ferdinand Krieg über seine Motivation

Warum ich gerne Paare berate – Ferdinand Krieg über seine Motivation

Warum ich gerne Paare berate? Vielleicht deswegen: Es ist manchmal so, als dürfte ich in einem geöffneten Buch lesen, wenn ein Paar von sich erzählt. Vielleicht müsste ich auch sagen, dass dieses Buch für mich als Leser geöffnet wird. Eine Erzählung über Liebe und Partnerschaft wird mit mir geteilt. Das geschieht bewusst und freiwillig. Es besteht dabei die Erwartung, eine Rezension des Inhalts und des Erzählstils zu wagen. Gemeinsam soll zudem vielleicht auch nach einem guten weiteren Verlauf der darin enthaltenen Liebesgeschichte gerungen werden. Partner*Innen möchten dabei erfahrungsgemäß nicht selten eigene Formulierungen, Handlungsstänge, Erzählperspektiven, retardierende Momente oder gar Schlusskapitel einbringen.

Warum ich gerne Paare berate

Warum ich gerne Paare berate? Weil das für mich ein wirklicher Vertrauensbeweis ist, den zwei Partner mir zeigen. Wenn sie mir Anteil an ihrer Lebenserzählung geben, mich lesen lassen, ist das ein Hinweis auf entgegengebrachtes Vertrauen.  Ein Vertrauensbeweis ist es auch, wenn ich bei der Um- und Fortschreibung der Geschichte eines Paares Begleiter sein darf. Sinngemäß sind es vielleicht folgende Aufforderungen und Fragen, die Paare an mich richten: Lesen Sie unsere Geschichte! Wie schätzen Sie unsere Geschichte ein und was lesen Sie heraus? Welche Änderungsideen haben Sie? Lohnt es sich, unser Buch zu lesen und gar einen zweiten Band, eine Fortsetzung zu schreiben?

Dabei geht es in einer Paarberatung nicht für jedes Paar darum, alles neu zu schreiben, sondern viel auch mehr zwischen den Zeilen zu lesen. Schnell Überlesenes soll in Erinnerung gerufen werden. Manchmal darf man sich auch für weniger Text auf einer Seite entscheiden. Mehr Zeichensetzungen sollen zudem eine Verlangsamung erzeugen. Ein Paar bemüht sich vielleicht auch um Wesentliches der eigenen Geschichte. Man könnte sie dazu in Kapitel einteilen und Absätze machen. Denn mitunter steht sehr schnell die ganze Geschichte vor dem Aus. Dabei ging es vielleicht nur um einen Abschnitt aus der gesamten Erzählung.

Erzählungen von Liebe, Partnerschaft, Trennung und Neubeginn

Persönlich bewegt mich, wenn mir Menschen ihre Geschichte anvertrauen. Wenn Partner*Innen mir erzählen, was sie erlebet haben und was sie sich erhoffen, dann berührt das auch. Es läßt eben nicht kalte, wenn Menschen über Enttäuschungen sprechen. Berichte über das Ende einer Liebes- und Partnerschaftsgeschichte zum Beispiel rühren an. Ebenso auch, welche Erklärungen es hierzu gibt. Wenn Partner*Innen glauben, mit zu viel falschen Worten Geschichten zerstört zu haben. Oder wie sie vergeblich, auf ein Wort des Neubeginns gewartet haben.

Eine besondere Freude ist mitunter, zu erfahren, wie alles für ein Paar begonnen hat. Gibt es auch heute noch eine erzählbare Geschichte vom Beginn einer Liebesbeziehung? Damit folge ich dem bekannten Systemischen Paartherapeuten Arnold Retzer. In seinem Standardwerk zur Systemischen Paartherapie lädt er ein, Paare nach dem Beginn zu fragen. Es geht ihm darum, nach der Entstehungsgeschichte eines Paares zu fragen und zu überprüfen, ob diese erzählbar ist. (Vgl. Retzer, Arnold: Systemische Paartherapie, 4. Auflage, Stuttgart 2011, 201)

„Wenn wir“, so Retzer, „an Liebe denken, denken wir gleichzeitig an Liebesgeschichten und Liebespaare, meist an sehr konkrete Paare: Adam und Eva, Theseus und Ariadne, Tristan und Isolde, Romeo und Julia, Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann (bzw. Richard Blaine und Lisa Lund).“ (Retzer, Paartherapie 2011, 26) Im Folgenden beschreibt der Paartherapeut dann verschiedene Funktionen dieser Mythen der Liebe für die Paarwerdung Liebender. (Vgl. Retzer, Paartherapie, 2011, 26-45).

Das Menschliche in den Geschichten

In meiner Beratung für Paaren geht es auch um das Erzählen und Zeigen der Geschichten von Paaren. Persönlich berührt mich dabei das zutiefst Menschliche in den Geschichten; jenseits von Perfektion und Routine. “Nichts Menschliches soll mir fremd sein!” ist ein wichtiger Satz für mich, aus meiner eigenen Lebensgeschichte, als auch für die Paarberatung. In-Beziehung-Sein – auch durch Mitteilung und Kommunikation – ist für mich so etwas Menschliches. Hoffnungen und Wünsche aber auch Enttäuschungen, Fehler und Schwächen sind zutiefst menschlich.

Wichtige Menschen haben zudem meinen eigenen Lebensweg begleitet. Sie sind für mich Wegweiser und Brückenbauer geworden. Und es gibt jene Menschen, die mir helfen, so zu sein, wie ich bin. Ich will damit sagen, dass ich in Bezogenheit auf andere Menschen, besonders auf diejenigen, die mich und die ich liebe, zu dem geworden bin, was ich heute bin. Wir haben miteinander gerungen, gestritten, schöne Dinge erzählt, gehofft und haben uns auch mitunter enttäuscht. Wir haben zudem keinen Hehl aus unseren Fehlern und Schwächen gemacht.

Letztlich haben diese Menschen mir geholfen, eine neue Geschichte, neue Kapitel meiner Geschichte zu schreiben. Das sehe ich auch als meine Aufgabe, Paare dabei zu begleiten, wenn sie wieder beginnen, Buchstabe um Buchstabe, Wort um Wort, Satz für Satz und Kapitel für Kapitel aufzuzeichnen und wiederzugeben, wenn sie also dabei sind, Autoren und Erzähler ihrer Geschichte zu werden.

Ehemaliger Seelsorger in der Paarberatung

Warum ich gerne Paare berate? Es bleibt vielleicht die Frage, was einen jungen Mann bewegt, mit Menschen zu arbeiten, sich ihre Probleme anzuhören und neue Lösungsstrategien angesichts eines zu überwindenden Paarkonfliktes zu erarbeiten.

Da schlägt zu allererst eines Menschenfreunds, eines ehemaligen Seelsorgers, der manche Höhen und Tiefen menschlichen Lebens aus seiner Zeit in der Seelsorge und aus persönlichem Erleben kennt. Persönlich und als Theologe ist mir dabei wichtig, dass jeder Mensch, gleich welcher Religion oder Weltsicht, ungeachtet von Hautfarbe, Herkunft, finanziellem Erfolg oder sexueller Orientierung, eine unauslöschliche Würde besitzt, die ihm weder zu- oder abgesprochen wird. Jedes Problem, jede Verstrickung und jede Not, lassen trotz allem das durchscheinen.

Die Arbeit für Menschen ist, nicht zuletzt aus diesem Grund, für mich Berufung. Dies ist auch der Grund, weshalb ich mit meiner Paarberatung binationalen, interkulturelle, schwule und lesbische und multireligiöse Paare ansprechen möchte. Wie wir über Grenzen hinweg Liebe leben, zeigt sich für mich beispielhaft in der Weltstadt Berlin. Warum ich gerne Paare berate? Auch dies mag eine Antwort gewesen sein.

Lebensgeschichten über Hoffnungen und Wünsche

Warum ich gerne Paare berate? Lebensgeschichten, Beziehungsverläufe, Hoffnungen, Wünsche und Sorgen anderer Menschen anzuhören, ist nicht immer leicht. Vielleicht braucht es auch hier so wie eine innere Berufung derjenigen, die in der Beratung für Paare arbeiten?

Angefangen hat meine Tätigkeit mit und für Menschen bereits schon während meines Theologiestudiums, im Rahmen diverser Praktika in verschiedenen Pfarreien, etwa mit den Schwerpunkten Jugendarbeit und Seelsorge für Senioren. Als Seelsorger habe ich später in verschiedenen Gemeinden auch mit größerer Verantwortung arbeiten dürfen, habe Menschen im Krankenhaus besucht, Trauernde begleitet, Verstorbene beerdigt, Jugendliche motiviert, Brautpaare auf die Hochzeit vorbereitet und verheiratet.

Natürlich kann man sich in solch einem Dienst auch verlieren und sich dann überfordern, weil es nur um die Anderen geht. Da braucht es eine besondere Kunst, nämlich die Balance zwischen Mitgefühl einerseits und professioneller Distanz andererseits zu bewahren. Für mich ist das auch heute ein Grundsatz, den ich mir zu eigen mache: Schnell wird man selbst in einen konflikthaften Streit hineingezogen, wenn man dabei seine innere Distanz und Neutralität verliert. Für mich gehört zur Arbeit deshalb immer wieder auch, Gehörtes und Erlebtes für eine Weile zurückzulassen. Ich brauche die Distanz. Das ist kein Desinteresse sondern eine Art von Vorbereitung darauf, dann erneut und frei auf die Probleme anderer zuzugehen.

Paarberatung als Prozess des Fragens und des Erzählens

Meine Aufgabe sehe ich in der Beratung für Paare darin, durch Nachfragen und Rückmelden, in die Nähe der Lebens- und Denkwirklichkeit meiner Klientinnen und Klienten zu gelangen. Was wird erzählt und was würde gerne erzählt werden?

Ich möchte dabei nicht eigene Denkschablonen oder Wertmuster von außen aufdrängen, etwa im Sinne eines Theologe mit einem dogmatischen Moralkodex, sondern – wenn man so will – eher als Theologe mit einer seelsorglichen Haltung, d.h. für mich, mit offenem Respekt auf Menschen zugehen; in Respekt vor der Lebenswirklichkeit und der Würde der Ratsuchenden Person. Dazu möchte ich bewusst Freiräume und – anders gesagt – Erzählräume anbieten.

In systemischem Sinne ginge es mir übrigens um die fragende Offenheit vor den Wirklichkeitsauffassungen und Wirklichkeitskonstruktionen der Anderen. Dies, ohne selbst genau zu wissen, was sozusagen die wahre Wirklichkeit anderer, ratsuchender Menschen wäre. Diese Haltung soll die eines respektvollen Nichtwissens sein.

Das hat für mich etwas unglaublich Befreiendes und Bereicherndes zugleich, zunächst einfach nur aktiver Zuhörer und Anteilnehmender an den Liebes- und Lebenserzählungen der Anderen zu sein. Ich habe also einen Beruf, durch den ich täglich neu Menschen und Ihre Sicht auf die Welt, auf Liebe und Partnerschaft kennenlerne. Das hat zur Folge, dass ich auch selbst angeregt werde, Dinge neu zu sehen und einzuordnen; nicht stehen zu bleiben. Manchmal werde ich auch besonders von den Geschichten und Erlebnissen der Paare berührt. Dann denke ich selbst über mich, ein Beziehungsleben und meine Zukunft nach, was mir wichtig ist, was ich erreichen möchte und was mich glücklich macht.

Humor in der Paarberatung

Warum ich gerne Paare berate? Vielleicht ist auch das Nachfolgende entscheidend für mich. Persönlich wichtig sind mir Empathie und auch ein wenig der Humor, der doch oftmals – aufgrund der vielen Konfliktmomente im Leben der Hilfesuchenden – auf der Strecke liegen geblieben ist. Wie einfach ist es, einen negativen Blick auf die Dinge zu haben. Wie schwer ist es manchmal, davon abzulassen und eine neue Perspektive einzunehmen. Dazu möchte ich ermutigen und mit Paaren üben, anders auf ihre Beziehung zu blicken.

Bereitschaft, Ungehörtes und Unerzähltes mitzuteilen

Dabei ist mir bewusst, dass es vermutlich eine Portion Sprachbereitschaft, Mut und Offenheit benötigt, sich einem zunächst Fremden, d.h. mir, mitzuteilen. Vielleicht ist es auch unangenehm und erzeugt die Idee, bisher in allen Lösungsversuchen versagt zu haben. Gerade deshalb ist mir der bekannte Satz “Nichts Menschliches ist mir fremd!” so wichtig geworden. Vielleicht habe ich ihn für mich bereits längst auch umformuliert, in Respekt vor dem doch immer wieder auch Neuem und bisher Unbekanntem in menschlichen Geschichten, so, als müsse ich vielmehr sagen, dass mir nichts Menschliches fremd bleiben soll und darf. Ich habe in meiner beratenden Arbeit für Paare eben schon vieles erlebt und gehört, aber dennoch höre ich auch immer wieder bisher Ungehörtes und oder bislang Unerzähltes.

Warum ich gerne Paare berate? Einige Antworten habe ich auf diese Frage bereits gegeben. Abschließend will ich festhalten: Es gibt so viele Licht- und Schattenseiten, erzählte und noch unerzählte, wie es Menschen gibt, die miteinander in Beziehungen, in Paarbeziehungen oder in Trennung verbunden sind. Für jede mitgeteilte Erzählung und Geschichte über Liebe und Beziehung, Trennung und Neubeginn bin ich dankbar. Sie fügen sich mit meinen Erzählungen und Geschichten zu einer großen Geschichte über uns Menschen zusammen, auf der Suche nach Liebe und Partnerschaft.

Mehr zu Ferdinand Krieg.

Ferdinand Krieg

Dipl.-Theologe | Heilpraktiker beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie
Weiterbildungen in Systemischer Therapie und Beratung: Systemischer Paartherapeut (SIH) | Systemischer Berater und Therapeut (SG)

Raumerstraße 16, 10437 Berlin – Prenzlauer Berg
Telefon (mobil) +49-1577-5337371
E-Mail: kontakt@einzelundpaartherapie.de