Scham beim Reden über sexuelle Probleme
Scham beim Reden über sexuelle Probleme: Scham ist ein starkes Gefühl. Viele Menschen berichten, dass es ihnen schwerfällt, über Sexualität oder intime Schwierigkeiten zu sprechen – gerade mit einer fremden Person. Dieses Gefühl ist sehr verständlich. Scham will uns schützen und erinnern, dass wir unsere Grenzen wahren und Rücksicht auf andere nehmen sollen. Gleichzeitig kann übermäßige Scham auch belasten und den Weg in ein offenes Gespräch erschweren.
Scham ist, frei nach dem Heidelberger Paartherapeuten Arnold Retzer, so etwas wie eine vorweggenommene und vermutete Sicht anderer auf uns selbst. Wenn wir uns schämen, sehen wir uns, so gesprochen, durch die Augen der anderen und nehmen ihren bewertenden Blick vorweg. Praktisch für die soziale Funktion! Präventiv sozusagen und prophylaktisch … man kontrolliert und bewertet sich bereits vorab.
Wie bewertet mich die*der Sexualberater*in?
Ein Schamgefühl bezieht sich vielleicht auf die*den Sexualberater*in. Hat sie*er über dieses sexuelle Problem schon mal etwas gehört? Werde ich dafür bewertet? Als Person, als Mensch abgelehnt? Oder denkt die*der Berater*in vielleicht, dass das gar kein richtiges Problem ist? Darf ich mich also mit meinem Thema zumuten? Und: Drücke ich mich dabei sprachlich korrekt aus? Verwende ich die richtigen Begriffe? Bewertet mich die*der Sexualberater*in für meine Art der Sprache?
Wie beurteilt mich die*der Partner*in?
Insofern eine Sexualberatung mit einer*einem Partner*in stattfindet, fragen sich von einem sexuellen Problem betroffene Personen vielleicht auch, wie die*der am Gespräch teilnehmende Beziehungs- und Sexualpartner*in reagiert. Steht zu befürchten, dass beim Reden über das sexuelle Problem eine befürchtete Paardynamik in Gang kommt, die es ungemütlich werden lässt? Haben bestimmte Aussagen Folgen – in der Sitzung, im Nachgang zuhause –? Wird die Beziehungssicherheit durch ein offenes Sprechen gefährdet? Oder ist eine schmerzliche Erfahrung zu erwarten, eine Ablehnung oder Abwertung?
Scham in der Sexualberatuung
Ist das Schamgefühl benannt, stellt sich die Frage, wie in der Sexualberatung damit umgegangen werden soll. Vielleicht wünscht sich die betroffene Person eine bestimmte Geschwindigkeit, etwa eine Verlangsamung, was die Intensität und das Eingehende der gestellten Fragen angeht. Oder die Person wünscht sich eine bestimmte Sprache (eher fachlich, eher alltagssprachlich usw.). Es ist ein Gespräch über das Gespräch erlaubt, eine Metakommunikation über das Wie des Gesprächs.
Erlaubt sind auch Pausen sowie Formen der Regulation im Gesprächsverlauf. Es ist auch legitim, Fragen mit einer Gegenfrage zu quittieren, Fragen unbeantwortet zu lassen oder zum Bedenken mit nach Hause zu nehmen. Nicht immer hat man sofort eine Antwort bereit, möchte vielleicht das ein oder andere zunächst beobachten oder für sich sortieren.
Dazugehören darf auch, dass ein*e Sexualberater*in sich jeweils die Erlaubnis geben lässt, zu fragen. Ebenso darf die*der Sexualtherapeut*in im Verlauf des Gesprächs sich rückversichern, ob für die betroffene Person alles im grünen Bereich ist, bzw. die Person einladen, ihrerseits zu signalisieren, wenn die Ampel auf gelb oder rot springt. Besteht ein Themenbereich über den nicht einfach so gesprochen werden soll, weil die betroffene Person für sich bereits weiß, dass sie hierdurch an ein traumatisches Ereignis erinnert und damit konfrontiert würde, ist damit ein rücksichtsvoller Umgang zu vereinbaren.
Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information. Er ersetzt keine ärztliche Abklärung oder Behandlung und stellt auch keine individuelle Beratung oder Psychotherapie dar.
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