Sexuelle Entfremdung in Paarbeziehung – Neustart im Sexualleben wagen?
Sexuelle Entfremdung in einer Paarbeziehung entsteht manchmal schleichend, manchmal durch einen Schlüsselmoment. Paare, so erlebe ich es in Sexualtherapien, stellen sich dann sinngemäß die Frage, ob sie noch einmal sexuell zusammenfinden und ein für sie stimmiges Sexualleben als Paar entwerfen möchten.
Zurückschauen: Woran lag es?
In einem ersten Gespräch geht es häufig um die Gründe für das „sexuelle Aus“ im Beziehungsleben. Welche Erklärungen haben beide Partner*innen? Liegen die Ursachen eher im partnerschaftlichen und interaktionellen Bereich – etwa in Kränkungen, Verletzungen oder offenen Konflikten – oder stärker bei individuellen, höchstpersönlichen Themen einer Person? Dazu zählen zum Beispiel Stress, Schamgefühle, Selbstbild oder persönliche Erfahrungen. Manche Faktoren stehen direkt mit der Partnerschaft in Verbindung, andere eher mit der eigenen Lebenssituation. Gab es zudem eine gemeinsame Erzählung, wie sich das Sexualleben verändert hat?
Detektiv*innenarbeit
Medizinische Fragen gehören in eine ärztliche Untersuchung, um organische Ursachen auszuschließen. Dort darf auch gefragt werden, ob eine psychische Störung vorliegt, die mit sexuellen Schwierigkeiten verbunden sein könnte und vorrangig behandlungsbedürftig wäre.
In der Sexualtherapie bei mir steht dagegen im Vordergrund, gemeinsam mögliche Gründe für eine sexuelle Entfremdung zu beleuchten. Ebenso dürfen Paare in einem Gespräch mit mir nach Strategien ihres Umgangs mit der sexuellen und partnerschaftlichen Herausforderung fragen: Wie leben wir derzeit Intimität, ob mit oder ohne Sex? Sind wir uns nur im sexuellen Bereich fremd geworden – oder insgesamt?
Blick nach vorn: Zukunftsvision
Neben dem Rückblick ist auch ein Ausblick erlaubt: Möchten wir wieder ein sexuelles Paar werden? Was wünschen wir uns für unser Sexualleben in der Zukunft? Welche Vorstellungen – vielleicht auch aus der Vergangenheit, das heißt aus einem bisherigen Erfahrungsschatz – passen heute noch? Und wo gilt es, etwas Neues zu suchen?
Manchmal wird von Partner*innen benannt, was nicht (mehr) sein soll. Partner*innen dürfen im Gespräch dann aber auch nennen, was denn stattdessen sein soll.
Vier Ebenen bei einem möglichen Neustart
Wünsche an zukünftige gemeinsame Sexualität betreffen oft verschiedene Ebenen:
1. Praktisches Tun – Körperbezogen, Körperwahrnehmung
- Wie berühren wir uns?
- Welche Bedürfnisse gibt es, welche Angebote möchte jede*r machen?
- Welche Intensität, Geschwindigkeit oder Abläufe passen für uns (beide)?
2. Emotionale Seite von Sexualität
- Wie sicher fühlen wir uns in unseren sexuellen Rollen?
- Welche Gefühle möchten wir im Sex leben und ausdrücken?
- Wie gehen wir mit Unsicherheiten – etwa in Bezug auf unser Handeln oder unsere Körper – um?
3. Werte und Haltungen
- Welche Annahmen haben wir über uns als sexuelles Paar?
- Welche Einstellung haben wir zu Sex, Lust und Partnerschaft?
4. Beziehung und Bindung
- Wie gestalten wir unsere Partnerschaft – und wie verbinden wir sie mit Sexualität?
- Wie nutzen wir unser Liebesgefühl füreinander auch sexuell?
Fazit
Sexuelle Entfremdung ist ein Prozess, den Paare unterschiedlich erleben. Beim Versuch, einen Neustart im Sexualleben zu wagen, dürfen viele Aspekte Berücksichtigung finden – etwa Körperwahrnehmung, Emotionen, Werte und die Beziehung als solche.
Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und Selbstreflexion. Er ersetzt keine ärztliche, psychiatrische oder psychotherapeutische Abklärung oder Behandlung.