Beziehungskrise – Paarbeziehung in der Krise
Eine Beziehungskrise bedeutet eine Zuspitzung – eine Phase, in der vieles ins Wanken gerät. Nähe und Distanz, Erwartungen und Enttäuschungen prallen aufeinander. Manchmal schlafen Paare zwar noch nebeneinander in einem Bett, aber berührt oder kommuniziert wird nicht mehr. Oder alltägliche Kleinigkeiten – der Abwasch, die Wäsche – werden zum Auslöser für heftige Streits. Solche Momente sind oft nur die sichtbare Spitze eines tieferliegenden Konflikts.
Manchmal wird er bewusst verdrängt und man lebt als Paar business as usual – ohne über einen Konflikt zu kommunizieren. Probleme werden nicht angesprochen. Oder es kommt zu einem klar erlebbaren Konflikt- und Krisengeschehen: Partner*innen stehen sich in erbitterten Auseinandersetzungen und Streits gleichsam feindlich gegenüber. Im Ringen um die Deutung des Konflikts und bei einem Versuch der Bewältigung der Krise stehen sich Partner*innen dann wie Gegner*innen gegenüber.
In meiner Praxis für Paartherapie in Berlin erlebe ich oft, wie Paare solche Krisen als Prüfstein begreifen – manchmal mehr als Bedrohung, ein anderes Mal eher als Einladung, nach einer Veränderung zu suchen.
Paarkrise als Zeit des Übergangs und der Fragen
Der Paartherapeut Arnold Retzer beschreibt Krisen als Zeiten des Übergangs – zwischen dem nicht mehr gültigen Bisherigen, der Gegenwart und einer noch ungewissen Zukunft. Menschen und soziale Systeme – dazu zählen ja auch Paarbeziehungen – durchlaufen demnach Übergänge, verschiedene Phasen, wenn sie etwa aus einer bisherigen Struktur in eine neue wechseln (vgl. Retzer 2006; Retzer 2021).
Und ja, meiner beruflichen Beobachtung nach beschreiben Paare mitunter ein Gefühl, eine Ahnung: Wir stehen jetzt an einer Schwelle. Die bisherige Beziehung funktioniert so nicht mehr, das Neue – z. B. eine andere Beziehungsform, eine Trennung oder eine Beziehung 2.0 – ist noch unklar. Manchmal zeigt sich das subtiler, wenn Paare in der Praxis über Kleinigkeiten streiten, ich und beide aber ahnen: Dahinter steckt die größere Frage, ob die gemeinsame Zukunft noch trägt.
Woran lässt sich eine Beziehungskrise erkennen?
Beziehungskrisen zeigen sich nicht immer klar und deutlich. Oft sind es einzelne Situationen oder wiederkehrende Muster, die ein Gefühl der Distanz oder Überforderung auslösen. Manche typische Konstellationen sind zum Beispiel:
- Emotionale Entfremdung: Gefühle der Nähe lassen nach, Liebe und Zuneigung scheinen zu verschwinden.
- Kommunikationskrisen: Wenn Partner*innen dauerhaft aneinander vorbeireden, Missverständnisse nicht geklärt werden, Konflikte eskalieren oder Sprachlosigkeit einkehrt.
- Sexuelle Krise: Wenn Intimität ins Stocken gerät, sexuelle Entfremdung oder kontradiktorische Bedürfnisse entstehen. (Weiterlesen im Artikel zur sexuellen Krise).
- Affären und Außenbeziehungen: Fremdverlieben oder Seitensprünge erschüttern das Vertrauen und die Basis der Partnerschaft.
- Eifersucht und Vertrauenskrisen: Auch ohne Affäre – etwa durch Social Media, Freundschaften, Kontakte zu Ex-Partner*innen.
- Zäsuren durch Dritte: Ein Kind kommt zur Welt, oder andere Bezugssysteme (z. B. Herkunftsfamilie) treten stärker in den Vordergrund. Plötzlich ist man „zu dritt“. Manchmal gibt es auch noch eine kontrovers empfundene Nähe zu Ex-Partner*innen.
- Patchworkkrisen: Herausfordernde Loyalitätskonflikte – Partner*in-Sein mit der neuen Beziehungsperson und zugleich Mutter oder Vater von Kindern aus einer vorherigen Beziehung. Zudem Fragen der neuen Beziehungsperson: Bin ich hier Partner*in, Gast*Gästin oder Erziehende*r? Wer hat welche Rolle?
- Unterschiedliche Ansprüche: Ein Partner entwickelt sich weiter, der andere bleibt scheinbar stehen – das Paar erlebt eine Auseinanderentwicklung.
- Externe Schicksalsschläge: Jobverlust oder andere Belastungen von außen fordern das Paar übermäßig heraus.
- Psychische oder körperliche Erkrankung: Als Belastungen, die die Beziehung betreffen oder überfordern.
- Gewalt und Grenzüberschreitungen: Emotional, verbal oder körperlich (Das ist hochkritisch und hier ist unbedingt professionelle und rechtliche Intervention erforderlich. Bitte wenden Sie sich an ein entsprechendes Hilfsangebot – etwa sozialpsychiatrischer Dienst, Polizei!)
Paare in einer Beziehungskrise dürfen sich Fragen stellen
Aus diesen Überlegungen zu Beziehungskrisen lassen sich für Paare und einzelne Partner*innen Fragen ableiten. Die nachfolgende Liste ist nicht vollständig. Vielleicht möchten Sie einige Fragen nicht oder anders stellen – oder haben ergänzende Fragestellungen:
- Stehen wir – aus dem Bisherigen kommend, das nun so nicht mehr gültig ist – in einer Zeit und Phase des Übergangs?
- Mit vielen Fragezeichen?
- Sind die Zukunft und das Unbekannte mein und unser Neues?
- Soll ich, sollen wir, einen Schritt gehen? Welchen? Zurück in die Vergangenheit?
- Oder nach vorne ins unbekannte Neue?
- Oder ist vielmehr wieder das Alte das Neue?
- Wird mein*e Partner*in Schritte mitgehen?
- Werden wir noch einmal füreinander Bedeutung haben – und wenn ja, welche?
- Wie gehen wir mit dem derzeit vielleicht Unvorhersehbaren um?
Gleichung geht nicht auf? Preis zu hoch?
In der Beratung mit Paaren, die sich in einer Partnerschaftskrise an mich wenden, verwende ich gerne das Bild der „wirtschaftlichen Balance“. Wenn der Preis für ein „Weiter-so“ zu hoch ist, wenn Menschen sich psychisch und emotional über ihre Verhältnisse verausgaben, gerät diese Gleichung insgesamt auf den Prüfstand. Fragen, die dann auftauchen, sind zum Beispiel:
- Wie wir so miteinander leben – bin ich damit glücklich?
- Wie geht es mir eigentlich in der Krise? Fühle ich mich (noch) seelisch ausgeglichen?
- Oder bin ich enttäuscht, einsam, unsicher oder ängstlich, betrübt und niedergeschlagen, abgestumpft oder kalt, unruhig? Oder aufgekratzt, gereizt oder reagiere ich vielleicht schon auf kleinste Impulse des*der Partner*in? (Bitte klären Sie psychische Symptome ärztlich und psychotherapeutisch ab!)
- Stimmt für mich, stimmt für uns die Bilanz aus dem, was wir zum Fortführen hineingeben, und dem, was wir bekommen (Beziehungsglück, Annahme, Geborgenheit usw.)?
- Habe ich viel oder wenig Hoffnung und sehe ich für uns als Paar noch eine Perspektive?
Beziehungskrise und individuelle Krise
Wenn wir einen wechselseitigen Bezug zwischen Beziehung einerseits und Ich andererseits annehmen – also systemisch denken – dann ist eine Beziehungskrise nicht nur eine Paarkrise, sondern auch eine individuelle Herausforderung für eine*n Partner*in – oder für beide.
Menschen berichten davon nicht selten in einer Einzeltherapie bei mir. Während für eine*n Partner*in alles in Ordnung ist, bricht für die*den andere*n Partner*in eine Welt zusammen. Akut und ganz plötzlich oder schleichend – wie eine langsame Erosion des Beziehungsfundaments oder ein Zerbröckeln des Beziehungshauses. Vielleicht ist sie auch ein belastender Dauerkonflikt, der persönlich herausfordert. Und dann spielt sich manchmal eine Krise in der Beziehung nicht nur in der Paardynamik ab, wenn beide Partner*innen konflikthaft miteinander interagieren.
Dann ereignet sich die Krise auch im Inneren eines Menschen – in Gedanken, in Fragen, in Emotionen. Vielleicht gibt es innerlich auch eine Zuspitzung zwischen unterschiedlichen Ansichten und variierendem Erleben. Einerseits ist es so schön in der Beziehung, andererseits tut sie mir nicht gut – meine Grenzen werden überschritten, meine Bedürfnisse nicht beachtet, meine Sexualität darf ich nicht entfalten usw. Und es ist erlaubt, diese Innenseite von zwischenmenschlicher Krise anzuschauen und zu versuchen, Widerstreitendes zu sortieren und zu gewichten.
Abschließende Hinweise
Unterlassen Sie bitte keine ärztliche, psychiatrische oder psychotherapeutische Abklärung und Behandlung. Die Telefonseelsorge erreichen Sie außerdem unter: 0800-1110111 oder 0800-1110222. In Notfällen, etwa bei einer Selbst- oder Fremdgefährdung, begeben Sie sich bitte an einen sicheren Ort und suchen Sie sofort Hilfe – Polizei 110, Notruf 112. Zudem verweise ich an dieser Stelle an den (externer Link) Sozialpsychiatrischen Dienst der Berliner Bezirke, den(externer Link) Berliner Krisendienst und an diesen Hinweis zu (externer Link) Hilfen bei häuslicher Gewalt.
Hinweis: Mein Artikel dient der allgemeinen Information und als Impuls zur Selbstreflexion. Er ersetzt keine Beratung, keine ärztliche, psychiatrische oder psychotherapeutische Abklärung und Behandlung. Wenn Sie das Thema berührt, wenden Sie sich gerne an eine Fachperson.
In Berlin begleite ich Paare und Einzelpersonen, die in Paartherapie oder Einzeltherapie eine Beziehungskrise im Gespräch beleuchten möchten.
Literatur
- Retzer, A. (2006): Passagen. Systemische Erkundungen. Stuttgart.
- Retzer, A. (2021): Systemische Paartherapie. Konzepte – Methode – Praxis. Stuttgart.