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Foto: Philosophie und Theologie zu Partnerschaft und Beziehung

Philosophie und Theologie zu Partnerschaft und Beziehung

Was sagen Philosophie und Theologie zur Partnerschaft. Gibt es hier wichtige Impulse für ein Leben in Beziehung? Ich habe mir vorgenommen, Ihnen ein wenig meine „Hintergedanken“ darzulegen – in Form vorläufiger Gedankenimpulse -, die auch biographisch bedingt, aus Philosophie und Theologie stammen. Natürlich fliessen diese, wenn auch still, mitunter in meiner Arbeit ein. Sie sind sozusagen ein stummes innerliches Getriebe für meine Tätigkeit in der Paarberatung, ohne dass sie als Offenbarungswahrheiten oder Missionsgedanken in die Gespräche mit Paaren einfließen.

Ferdinand Krieg, Berlin – Theologe in Eheberatung und Paarberatung

In Berlin arbeite ich in Eheberatung und Paarberatung mit Partnern und Paaren. Ich bin Theologe und Heilpraktiker beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie, weitergebildet in Systemischer Paartherapie. Viele Menschen fragen mich daher, was ich denn auch ganz persönlich über eine Beziehung denke, worin ihr Wert besteht und worauf es ankommt. Praktische Tipps und Hinweise zu geben ist dann möglicherweise gefragt. Aber es ist auch vorgekommen, dass sich eine sozusagen philosophisch-theologische Metadiskussion ergeben hat, die versucht hat, über das Abrufen konkreter Handlungsanweisungen hinauszugehen.

Natürlich darf es darum gehen, eine Beziehung einfach zu leben, sie zu fühlen, über sie praktisch nachzudenken – also was kann ich besser machen usw. -. Ebenso legitim ist ein grundlegender Nachfragen nach dem Sinn von Beziehung und Partnerschaft überhaupt; ohne dabei – zumindest in meinen Metadiskussionen – zu einem erschöpfenden Ergebnis gekommen zu sein. Dabei ging es nicht um Richtig oder Falsch! Solche Gedanken, sind wohl eher in einem ständigen Prozess befinden und bedürfen kritischer Reflektion. Es mag für dein einen stimmig oder erbaulich erscheinen und für den anderen abwegig und kontraproduktiv. Wie dem auch sei, dieser Beitrag ist eine Einladung den eigenen Weg zu finden und für sich auszuformulieren.

Ich, Nicht-Ich, Beziehung – Warum wir die Anderen brauchen um wir selbst zu sein

Wer bin ich eigentlich? Diese Frage stellt man oder frau sich häufig selbst; wenn es die Umstände und die Zeit nahe legen. Oft bleibt diese Frage, von außen und von anderen gestellt, an der Oberfläche; es bleibt beim Identifikationsnachweis per Personalausweis oder PIN-Code. Wer bin ich eigentlich ist aber eine viel raumgreifendere Frage, wenn man oder Frau sie sich selbst stellt, weil gerade eine Krise durchlaufen wird, eine Veränderung oder Verunsicherung im Leben eingetreten ist, oder wir den Eindruck haben, sie stellvertretend für unseren Partner stellen zu müssen. So wird diese Frage schon anders gestellt: Was denkt er denn, dass ich bin?

So wird deutlich was das eigentlich ist, dass ich bin, dass ich Ich bin; wenn ich erfahre, dass ich etwas nicht bin. Ich bin nicht der Andere, ich bin nicht der Nachbar, nicht meine Mutter, nicht mein Partner, nicht der Rest der Welt. Ich bin ich. Um das zu wissen, muss ich ganz bei mir sein und innehalten, vielleicht an mir selbst herunterblicken und die Ausmaße meines Körpers wahrnehmen. Wo fange ich an und wo ende ich; von den Fußsohlen bis zum Haupthaar. Aber was ist dann mit meinen Gedanken und Wünschen, sind sie auch Ich? Ragen Sie über mich hinaus? Vielleicht sogar in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und das alles sogar raumübergreifend?

Um mich als Ich zu erfahren, muss ich mich als Nicht-Ich begreifen. Ich brauche ein Gegenüber, das Andere oder den Anderen. Das Ich wird in der Beachtung des Du zum Ich.

Das hat auch er jüdische Religionsphilosoph Martin Buber (1878-1965) zum zentralen Thema seiner Philosophie gemacht.

„Der Mensch wird am Du zum Ich. Gegenüber kommt und entschwindet, Beziehungsereignisse verdichten sich und zerstieben, und im Wechsel klärt sich, von Mal zu Mal wachsend, das Bewußtsein des gleichbleibenden Partners, das Ichbewußtsein. (…) Das Ich [steht] sich selbst, dem abgelösten, einen Augenblick gegenüber, um alsbald von sich Besitz zu ergreifen und fortan in seiner Bewußtheit in die Beziehungen zu treten.“ (Buber, Martin: Das Dialogische Prinzip.4. Aufl. Heidelberg 1979. Zit. nach: http://www.celtoslavica.de/sophia/Buber.html)

Phantasie des Beziehungswolligen – Sich vom Anderen ergreifen lassen

Ich brauche als Beziehungswilliger eine Art von Phantasie von Wirklichkeit, um das Du in seiner andersartigen Einzigartigkeit und Individualität ganz zu erfassen; es zu achten in dem wie es anders ist als Ich. Das ist übrigens mit „Umfassung“ bei Buber gemeint. Ich muss Innewerden und Innehalten und respektieren: Hier ist Du, hier ist etwas das anders ist als ich. Das geht uns, denke ich, oft abhanden. Erwartungen und Selbstsucht werden all zu leicht dem anderen übergestülpt. Insofern bleibt kein (Zwischen-)Raum mehr bestehen, in dem sich wirkliche Beziehung ereignen kann. Der beziehungswillige Mensch braucht die Fähigkeit, sich vom Anderen ergreifen zu lassen, anstatt nur von außen methodisch an ein Es heranzutreten. Ich muss mich vom Anderen, vom Du, ergreifen lassen; nicht nur methodisch also an ein zu untersuchendes Es herantreten.

Das Grundprinzip sich als Ich angesichts des Nicht-Ich zu erfahren, findet sich ja als zentrales Thema in der Fichteschen Philosophie (Johann Gottlieb Fichte, 1762-1814). Vom Ich ausgehend, wird die Welt beschrieben. Es ist das Ich, dass sich dank seiner Umwelt als Ich erfährt und sich ihr gegenübersetzt.

Bezogenheit auf den Anderen

Diese Bezogenheit auf das Andere lässt mich also mich selbst erfahren und nicht als Nicht-Ich im grenzenlos und unbestimmten Raum zerfließen. Das oder der Andere hilft mir, mich als Ich wahrzunehmen, als Ich zu wachsen und mich in der Beobachtung meiner Existenz Stärke und Selbstbewusstsein sammeln. Eine intensive Form mich also selbst zu erfahren ist, wenn ich mich in das Nicht-Ich verliebe.

Es ist schön, vom Partner beschrieben zu werden, berührt und umfangen zu werden, wenn ich mich in der liebenden Vereinigung mit ihm selbst intensiv spüren kann. Hier wird etwas lebendig, das mich als Ich kräftigt. Und: Ich werde als Ich gewürdigt. Da ist jemand, der mich liebt, meine Konstitution, meine Fähigkeiten, meinen Körper, meine Gedanken und Ideen; er oder sie begreift meine „Liebenswürdigkeit“! Und sicher wird auch der oder die Andere sich als Ich in umgekehrter Weise erleben und darin gestärkt werden.

Nun wird der Philosophie Fichtes vorgeworfen einen Fehler zu machen, einer sogenannten Reflexionsfalle aufzuliegen und darin gefangen zu sein. Denn es ist wahrlich schön, dass wir in der Distanz zu dem Anderen und auch in der Beobachtung unseres Selbst unserer Existenz bewusst werden. Auch im weiteren Sinne uns dann zum Nicht-Ich befindlich sehen. Was aber ist, wenn wir entweder aus entwicklungstechnischen oder gesundheitlichen Gründen zu dieser Art der Reflexion und Erfahrung nicht in der Lage sind; z.B. durch vorübergehende Bewusstlosigkeit, durch Verblendung, durch eine Behinderung, im Stadium des Entstehens und Heranwachsens oder im hohen Alter. Noch einfacher: Was ist, wenn wir gerade gar nicht daran denken, wir selbst zu sein oder uns vom anderen zu unterscheiden? Sind wir dann nicht auch Ich? Muss ich also mich dauerhaft selbst bestätigen oder von außen proaktiv oder passiv bestätigen lassen? Muss ich meinen Wert und mein Sein als Ich dauerhaft erarbeiten? Als Theologe würde ich hier gerne antworten, dass es Gott ist, der mich von Anfang an geliebt hat und es bedingungslos tut. Sein Wissen um meine Existenz geht selbst meiner Existenz bereits voraus. Egal, was auch immer mit mir geschieht, ich bin in ihm gehalten und geborgen. Ich bin in Beziehung mit Ihm: Er und Ich.

Psalm 139

So heißt es übrigens bereits im Judentum (im Alten Testament) in einem Psalmentext:

13 Denn du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter. 14 Ich danke dir, daß du mich so wunderbar gestaltet hast. Ich weiß: Staunenswert sind deine Werke. 15 Als ich geformt wurde im Dunkeln, / kunstvoll gewirkt in den Tiefen der Erde, waren meine Glieder dir nicht verborgen. 16 Deine Augen sahen, wie ich entstand, in deinem Buch war schon alles verzeichnet; meine Tage waren schon gebildet, als noch keiner von ihnen da war.“  (Ps 139, 13-16)

Als suchender Mensch würde ich es die Hoffnung nennen, dass meine Existenz eine grundsätzliche Würde besitzt, nicht zuletzt aus dem möglichen Potential, das ich in mir trage, durch die Zugehörigkeit zur Menschheit, durch das Wollen der Natur; es hat mich zugelassen und bewirkt und vieles mehr. Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass es eine unhintergehbare und unverlierbare Würde ist, die mich als Ich bewirkt; niemand, auch nicht ich selbst, kann sie mir geben oder nehmen. Sie ist einfach da. Es ist gut und schön, wenn ich mich so selbst erfahre und von anderen gesehen werde, aber sie ist nicht erst dadurch gegeben. Die Würde ist übrigens jene, die mich im wahrsten Sinne des Wortes „liebenswürdig“ macht; würdig, dass ich mich selbst und dass andere mich lieben.

Bedürfnis, nicht alleine zu sein

Wie übertragen wir dies nun auf das Bedürfnis des Menschen, nicht alleine zu sein, sondern nach mehr, nach Beziehung? Viele Menschen fürchten ja, dass sie in einer Beziehung aufgehen und statt eines Ichs nur noch das überwältigende Wir der Partnerschaft verbleibt, also gerade das Bezogensein auf einen Anderen, Selbstauflösung bedeutet. Festhalten ließe sich, dass es das nie gibt: das völlige Ich sein, von der Welt und dem anderen exemt. Eine gesunde Entwicklung braucht gerade den Anderes, das Andere: um gute oder schlechte Erfahrungen zu sammeln, Liebe oder Hass zu ernten. Alles trägt zur Ich-Werdung bei. Insofern ist gerade Beziehung der Ort oder der Zustand, in dem sich wirklich Ich-Werdung und Selbstbewusstsein entwickeln können.

Sehnsucht nach Mehr

Die Sehnsucht nach dem Mehr als dem Ich ist jedem Menschen eingegeben; schon mit den Fragen Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? erwächst sie. Für viele Menschen bedeutet es Glück oder Unglück, ob ihnen die Chance gewährt oder versagt wird, über sich selbst, am Anderen vorbei, zu einem Mehr werden zu dürfen.

Das ist auch das Ziel der Religionen: Ich erfahre mich als Ich in der Abgrenzung und Bezogenheit auf die Anderen. Dabei bleiben wir nicht stehen. Es entsteht mehr, eine Fortbewegung auf die Transzendenz hin. Für das Beziehungsleben gesprochen: Ich bin ich und erfahre mich als solches durch meinen Partner, das Nicht-Ich. Gemeinsam schaffen wir das neue, die Partnerschaft, ein Wir.

Es bleiben also bestehen, die Würde des Einzelnen und auch die des Anderen, die einfließen in die Würde einer Partnerschaft. Als nur Ich, ohne das Andere, den Anderen, den Partner, das absolut Andere, kann ich nicht sein. Ich bin dazu bestimmt, geliebt zu werden und mich zugleich abzugrenzen, in Bewegung zu sein, zwischen dem Hier und dem Dort. Verloren und verlassen bin ich nicht, ich bin für das Leben in Beziehung bestimmt.

Wer liebt, bleibt nicht bei sich selbst

Letztlich bin ich überdies noch der Meinung, dass wirkliche Liebe immer die Sehnsucht in sich trägt, über sich selbst hinausgehen zu können, sich zu transzendieren. Sie ist immer auf ein Du und dann schließlich als ein Wir auf ein Drittes hin ausgelegt: ein gemeinsames Ziel, Kinder, einen Lebenstraum. Liebe bleibt nicht bei sich, sondern bedarf der Weitergabe und der Mitteilung. „Ein guter Mensch bringt Gutes hervor, weil in seinem Herzen Gutes ist; und ein böser Mensch bringt Böses hervor, weil in seinem Herzen Böses ist. Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund.“ (Lk 6, 45)

Ein schönes Beispiel aus der Theologie, das mir hier einfällt, ist der Gedanke der Trinität des christlichen Gottes. Ein Gott in drei Personen; Vater, Sohn und Heiliger Geist. Eine sehr erbauliche Auslegung dieses endlos zu berätselnden und zu erforschenden Geheimnisses ist folgende: Der Vater ist vollkommen in sich und gut. Diese Freude will er mitteilen und über sich hinausgehen. Er sendet seinen Sohn um diese liebende Einstellung zu verkünden. Die Liebe die Vater und Sohn verbindet ist der Heilige Geist. Und selbst diese Liebe der Drei geht über sich hinaus, weil die Welt, die Menschheit in dieses Geschehen mit hinein genommen wird. Liebe kann nicht bei sich bleiben, wenn sie vollkommen sein möchte.

Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!

Nur wer sich selbst annimmt und wertschätzen kann, ist reif für eine Beziehung. “Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst!”(Mk 12,31), heißt es im Christentum. Das will sagen: Nur der kann etwas für Andere investieren, der sich selbst annimmt und erfüllt ist, mit der Liebe zu sich selbst.

Oft ist das missverstanden worden. Die aufopfernde Nächstenliebe wurde allein hochgehalten. Dass aber ein Doppelgebot gemeint ist, das die Selbstliebe mit einschließt, wurde kaum beachtet. Vielleicht weil man die Selbstliebe als ungehörig und egoistisch angesehen hat.

Sich selbst grundsätzlich anzunehmen und zu lieben ist aber kein purer Egoismus. Im Gegenteil: Wer sich liebt, entwickelt eine ungeheure Kraft und strahlt Zuversicht und Freude aus. Wer sich selbst annehmen kann, ist fähig auch andere zu achten und Liebe weiterzugeben.

Selbstannahme und Selbstliebe

Versuchen Sie das doch einmal: Stellen Sie sich vor einen Spiegel, schauen Sie sich an und sagen Sie laut: “Ich mag mich. Ich bin gut!” Oder wie würde es Ihnen ergehen, wenn Sie gefragt würden: “Was ist toll an Ihnen? Wofür lieben Sie sich?” Die meisten Menschen schlucken bei so einer Frage erstmal und finden es sogar ungehörig darauf zu antworten. Die anerzogene -falsche- Bescheidenheit lehrt sie anderes. Bei Bewerbungstrainings wird diese Frage nach den eigenen Stärken und Ressourcen immer wieder eingeübt. Personaler stellen sie gerne in Bewerbungsgesprächen.

Vielleicht kommen Ihnen sofort Zweifel und Gedanken an Unvollkommenheiten und Versagenserlebnisse in den Sinn. Möglicherweise gefällt Ihnen dieses oder jenes an sich gar nicht. Vielleicht ist es auch der eigene Körper, den sie lieber so oder so gebaut wüssten.

Ob Sie sich wirklich annehmen können hängt von vielen Faktoren ab. Entscheidend kann sein, wie Sie aufgewachsen sind, ob Sie in Liebe angenommen wurden und früh die Erfahrung machen durften, geborgen und angenommen zu sein.

Wer nie oder wenig geliebt worden ist, hat es schwerer, Liebe auszudrücken und weiterzugeben. Er hat genug damit zu tun, sich selbst zu akzeptieren.

Ein erlebtes Defizit an Liebe

Die Folge ist klar: Das erlebte Defizit an Liebe soll irgendwie aufgefüllt werden. Viel wird dann bewusst oder unbewusst von Familienangehörigen, Freunden oder Partnern erwartet. Es entsteht ein regelrechter Kampf um Liebeszuwendung, der ein Leben lang anhalten kann. Entweder wird um Liebe regelrecht gekämpft und alle Energie darauf verwendet, oder es vollzieht sich ein kämpferischer Rückzug in vermeintlich sichere “innere Gefilde”. Was als Schutz vor möglichen Zurückweisungen und Verletzungen gedacht ist, bedeutet aber eigentlich nichts anderes als “Selbstverletzung”. Ist letzteres der Fall, können Partner/andere Menschen kaum mehr in einen gelingenden Kontakt zum “ungeliebten” Partner treten. Dieser hat sich in sich zurückgezogen und wird jeweils mit vorwurfsvoller Grundeinstellung alles aufzählen, was in einer Beziehung auf ein mangelndes Geliebt-Sein hinweist.

Sprache der Liebe – Über die Liebe Auskunft geben können

Über das was mich bewegt und berührt bin ich mit mir selbst immer im Gespräch. Gedanken und innere Gewissheiten nutzen nicht nur Bilder sondern auch zugehörige Begriffe, die diese Bilder bezeichnen und ordnen. Dies geschieht mittels der Sprache; innerlich und nur härbar für den der denkt. Andere Menschen haben es nun schwer, die inneren Gedanken erkennen zu können. Was geht in diesem Menschen wohl vor? Wenn er mich wirklich liebte, könnte er doch ablesen, was ich denke!? In der Regel ist das nicht möglich.

Die Fähigkeit zu Kommunizieren erwerben wir anfänglich schon im Mutterleib; wenn Mutter und Kind in einer bestimmten Weise miteinander non-verbal kommunizieren. Und doch bleibt erst einmal das Geworfen-Sein in diese Existenz, das sich mit lautem Schreien äußert, wenn die Geburt erfolgt ist. Orientierungslosigkeit einerseits und die Suche nach Halt prägen diese ersten Momente. Eine unglaubliche Veränderung in einen anderen neuen Kontext hinein ist erfolgt, mit der ein Mensch Schritt für Schritt umzugehen lernen muss. In der Regel wird er dies von anderen Menschen lernen, er wird sich ihre Gesten, Bewegungen, Verhaltensmuster und ihre Sprache antrainieren und ist somit Stück um Stück mehr in der Lage das Chaos um ihn, das ihn mit der Geburt erwartet hatte, zu ordnen, d.h. in Beziehung zu setzen und miteinander zu verknüpfen.

Kapsar von Perter Handke

Mich erinnert das an „Kaspar“ von Peter Handke (*1942), ein Theaterstück, in zumindest begrifflicher Nähe zum sagenumwobenen Kaspar Hauser (+1833). Es führt radikal vor Augen, dass wir als Menschen soziale Wesen sind, die sich der Gedanken bedienen, viel mehr noch der Sprache, um Einzelnes in einen Gesamtzusammenhang fügen zu können. Dadurch errichten wir uns unsere Welt. In der Verhaltensforschung sind sogenannte Kaspar Hauser Versuche bekannt, die aufzeigen wollen, dass es zu regelrechten Entwicklungsstörungen und zu einer Deprivation von Tier und Mensch durch Formen der Isolation kommen kann. Sie könnten zeigen, wie sehr wir auf Kommunikation angewiesen sind, ja wie durch sie gleichsam auch Sozialisation und nachhaltige Prägung erhalten. In Handkes Stück fällt die Hauptfigur durch den Muttermund des Bühnenvorhanges auf die Bühne, ist orientierungslos und kriecht vor sich hin. Sogenannte Einsager nun zwängen ihm eine Sprache auf, formen dadurch auch seine Gedanken, domestizieren ihn. Scheinbar zum Ich werdend verliert Kapspar letztlich alles wieder im Wirrwar der einsagenden Stimmen. Das zeigt, wie abhängig wir von Sprache und Kommunikation sind.

Meiner Einschätzung nach gibt es auch in einer Beziehung so etwas, wie einen Aufbau an Sprache, einen gemeinsamen Schatz an verbaler und nonverbaler Kommunikation. Das Ausdrücken von Gefühlen, ihre Lesbarkeit und auch das Signal, sich eingefühlt und achtsam verstanden zu haben, sind für viele Partner und Partnerinnen ein elementarer Baustein partnerschaftlichen Lebens. Das ist mehr als nur einmal miteinander gesprochen zu haben. Es bedeutet unter Umständen das Zulassen wirklicher Nähe und ein Sich- Zurücknehmen um auf den Anderen hören zu können. In freier Analogie zu Handkes Stück, liegt die Aufgabe möglicherweise darin, eine eigene, eine individuelle, nicht von außen eingesagte Sprache zu finden.

Nicht nur, dass dies im Alltag untergehen mag, es scheint auch so, als ob wir eingeladen wären, dieses andere Sprechen erlernen zu müssen; im In-Beziehung-Sein mit anderen uns nahestehenden Menschen.

Sprachfundament – Thesaurus an Liebessprache

Für eine Partnerschaft wird es wichtig sein, selbstbestimmt und bewusst, ein gemeinsames Sprachfundament herauszubilden, ein Thesaurus an gemeinsamen Begriffen und Erklärungen; und zwar nicht stereotyp, sondern individuell und liebevoll. Alle Einseitigkeit sollte vermieden werden. Beide Partner legen ihren Schatz an Worten und Begriffen hinein.

Der Respekt vor dem Partner wird einfordern, dabei dennoch nie ganz in den anderen verstehend eindringen zu wollen, bzw. zu können; trotz aller Freude über jedes liebe Wort. Er bleibt in allem dennoch immer auch der andere. Insofern ist und bleibt die partnerschaftliche Kommunikation ein ständiges Ringen um Gemeinsames und auch um die Akzeptanz und den Respekt des individuell Anderen. Diese Spannung müssen wir aushalten.

Wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund (Lk 6,45b)

Für uns als Beziehungswesen gilt, dass eine Sprach- und Sprechfähigkeit gefordert ist, getreu dem biblischen Satz „Wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund“ (Lk 6, 45b). Dass wir uns dabei unserer eigenen Sprache bedienen, steht dem Vorhaben nicht im Weg.

Ferdinand Krieg, Diplom-Theologe.
Heilpraktiker beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie.
Weitergebildet in systemisch-lösungsorientierter Therapie, Familientherapie und Beratung, zum Systemischen Therapeut und Berater (SG); nach den Rahmenrichtlinien der Systemischen Gesellschaft in Deutschland. Absolvierte Weiterbildungsmodule in Systemischer Paartheraprapie am Systemischen Institut Heidelberg (SIH), weitere dort bis Juli 2016.

Ferdinand Krieg

Dipl.-Theologe | Heilpraktiker beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie
Weiterbildungen in Systemischer Therapie und Beratung: Systemischer Paartherapeut (SIH) | Systemischer Therapeut und Berater (SG)

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